Die drei Phasen nach einem Vertrauensbruch: Die Reihenfolge zählt

Ein Paar liegt im Bett, voneinander abgewandt. Die Frau hält sich die Hand vor die Augen, der Mann hat ihr den Rücken zugekehrt.

Nach einem Vertrauensbruch liegen oft beide wach, jeder für sich.

Nach der Entdeckung einer Affäre wollen viele Paare vor allem eines: dass es aufhört, wehzutun. Die verletzte Person schwankt zwischen Trennung und Hoffnung, die andere möchte am liebsten sofort nach vorn schauen. Beides ist verständlich, und beides führt in die Irre, wenn es die Reihenfolge durcheinanderbringt.

Vertrauen kommt nicht zurück, weil Zeit vergeht. Es wird in Schritten wieder aufgebaut, und diese Schritte haben eine Ordnung.

Warum sich Betrogensein wie ein Erdbeben anfühlt

Wer betrogen wurde, erlebt oft mehr als Kränkung. Bilder drängen sich auf, Gedanken kreisen, der Schlaf leidet, und die Aufmerksamkeit ist ständig auf Anzeichen neuer Gefahr gerichtet. Ein ausbleibender Anruf kann genügen, um alles wieder aufzureißen. Diese Reaktionen ähneln denen nach einem Trauma. Sie sind kein Zeichen von Rachsucht oder Schwäche, sondern die Folge davon, dass eine sicher geglaubte Grundlage weggebrochen ist.

Für beide heißt das: Die alte Beziehung gibt es so nicht mehr. Es geht darum, eine neue aufzubauen.

Das Modell: Sühne, Zuwendung, Bindung

John und Julie Gottman beschreiben den Weg zurück in drei Phasen, im Original Atone, Attune, Attach. John Gottman hat sie in seinem Buch „What Makes Love Last?“ ausgeführt. Ich arbeite mit diesen Phasen und nenne sie Sühne, Zuwendung und Bindung. Einen allgemeinen Überblick über die Heilung nach einem Vertrauensbruch gibt ein eigener Artikel, hier geht es um die Frage, was in welcher Phase ansteht.

Voraussetzung für diese Arbeit ist, dass die Affäre beendet ist und offen auf dem Tisch liegt. An einer Beziehung lässt sich nicht arbeiten, solange es eine zweite gibt.

Phase 1: Sühne

Am Anfang ist die Lage unausgeglichen, und das gehört so. Die Person, die betrogen hat, hört zu und hält die Gefühle der anderen aus. Vier Dinge stehen in dieser Phase an.

Reue und Empathie. Eine Entschuldigung ist nur so viel wert wie das, was ihr vorausgeht und folgt. Gemeint ist kein einzelner Satz, sondern die Bereitschaft, den Schmerz des anderen wirklich an sich heranzulassen, ohne sich zu verteidigen.

Transparenz. Die verletzte Person darf fragen: Wann hat es angefangen, wo, wie oft, ist es vorbei, wie ging es zu Ende? Diese Fragen brauchen ehrliche Antworten. Jede weitere Lüge wirkt wie ein neuer Betrug. Von sehr detaillierten Fragen nach sexuellen Einzelheiten rate ich ab, weil die Bilder dazu die Verletzung meist vertiefen.

Überprüfbarkeit. Für eine Zeit braucht es oft mehr Einblick als früher, zum Beispiel in Kalender oder Handy. Das ist kein Dauerzustand, sondern eine Brücke, bis Worte wieder genügen.

Annehmen. Die Phase endet nicht mit einem Datum. Sie endet, wenn die drängendsten Fragen gestellt und beantwortet sind. Kommt später doch noch eine, geht das Paar noch einmal einen Schritt zurück.

Phase 2: Zuwendung

Erst jetzt richtet sich der Blick auf die Zeit vor der Affäre. Wie ist die Distanz entstanden, in die sich jemand Drittes schieben konnte? Das ist keine Entschuldigung für den Betrug. Die Verantwortung dafür bleibt, wo sie hingehört. Es geht darum zu verstehen, was in der Beziehung gefehlt hat, damit die neue anders wird.

In dieser Phase lernen beide, Bedürfnisse auszusprechen, statt sie zu schlucken, und Konflikte so zu führen, dass sie weder vermieden werden noch eskalieren. Alte Verletzungen, die nichts mit der Affäre zu tun haben, werden einzeln aufgearbeitet. Dazu kommen die kleinen Dinge, die Nähe im Alltag tragen: auf den anderen reagieren, wenn er Kontakt sucht, nachfragen, sich für gute Momente mitfreuen.

Phase 3: Bindung

Wenn Vertrauen langsam zurückkehrt, geht es um die bewusste Entscheidung füreinander. Was soll diese zweite Beziehung ausmachen, wofür steht sie, was ist beiden wichtig?

Praktisch heißt das: feste Rituale der Verbindung, etwa bei Abschied und Wiedersehen, ein tägliches Gespräch über das, was jeden außerhalb der Beziehung belastet, regelmäßig ausgesprochene Wertschätzung und ein fester Termin in der Woche, an dem ihr über euch sprecht. Auch die Sexualität findet in dieser Phase ihren Platz zurück, ohne Eile und ohne Beweisdruck. Und ihr sprecht offen aus, was ein erneuter Vertrauensbruch bedeuten würde.

Wie lange das dauert

Einen festen Zeitrahmen gibt es nicht. Die Phasen überlappen sich, und Rückschritte gehören dazu. Was ich häufig sehe: Paare wollen die erste Phase schnell hinter sich bringen, weil sie am meisten schmerzt. Wer sie überspringt, landet später wieder dort.

Woran Paare häufig hängen bleiben

  • Zu früh nach vorn schauen. „Können wir das nicht endlich abhaken?“ ist ein verständlicher Wunsch und trotzdem das Gegenteil von Sühne.

  • Verteidigung statt Zuhören. Erklärungen, warum es dazu kam, haben ihren Platz in der zweiten Phase. In der ersten wirken sie wie Ausreden.

  • Fragen in Dauerschleife. Wenn dieselben Fragen immer wiederkehren, steckt dahinter meist keine Schikane, sondern anhaltende Alarmbereitschaft. Hilfreich ist, gemeinsam herauszufinden, was die Auslöser sind und was dann beruhigt.

Wann Unterstützung sinnvoll ist

Die erste Phase allein zu Hause zu führen, überfordert viele Paare: Die Gespräche kippen in Vorwurf und Abwehr, und beide gehen verletzter heraus als hinein. In einer Paartherapie helfe ich dabei, dass Gefühle in voller Stärke gesagt und gehört werden können, ohne Verachtung. Am Anfang stehen Erstgespräch und Diagnostik.

Wenn die Lage sehr drängt, kann danach eine Intensivtherapie für Paare sinnvoll sein: zwei Tage am Stück statt vieler einzelner Sitzungen. Regelmäßige Termine finden in Hamburg-Winterhude, in Barsbüttel oder per Video statt.

Häufige Fragen

Müssen die Phasen streng nacheinander ablaufen?

Die Reihenfolge ist wichtig, die Grenzen sind fließend. Themen der zweiten Phase tauchen früh auf, und manchmal führt eine neue Frage zurück in die erste. Entscheidend ist, dass die Sühne nicht übersprungen wird.

Wie viele Fragen sind zu viel?

Es gibt keine Obergrenze. Fragen nach Zeitraum, Häufigkeit, Gefühlen und dem Ende der Affäre helfen in der Regel. Fragen nach sexuellen Einzelheiten hinterlassen oft Bilder, die bleiben.

Was ist, wenn die Affäre noch nicht beendet ist?

Dann ist die gemeinsame Arbeit am Vertrauen noch nicht möglich. Zuerst braucht es eine klare Entscheidung.

Kann eine Beziehung danach besser werden als vorher?

Manche Paare beschreiben es so. Versprechen lässt sich das nicht. Was sich sagen lässt: Die neue Beziehung ist ehrlicher, wenn beide den Weg wirklich gehen.

Dr. Gwen Elprana
Dr. Gwen Elprana ist promovierte Psychologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie mit den Schwerpunkten Paartherapie, Sexualtherapie und Beziehungspsychologie. In Hamburg und Barsbüttel unterstützt sie Einzelpersonen und Paare dabei, emotionale Muster zu verstehen, die Kommunikation zu verbessern und gesündere, erfüllendere Beziehungen aufzubauen. Dabei wendet sie evidenzbasierte Therapieansätze an.
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